Robin Horsch. Ein langer Tag, schmeichelnde Luft.

Ausstellungseröffnung Freitag, 23. Januar 2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer bis 21. Februar 2026

Der Oberhausener Maler und Bildhauer zeigt meist großformatige Bilder der letzten zwei Jahre, die aus dem malerischen Experiment heraus das Thema Landschaft, Architektur und Umwelt behandeln.

„Ein langer Tag, schmeichelnde Luft.“ – Dieser Titel – ein Satz des Frührenaissance-Dichters Francesco Petrarca – verweist auf einen der berühmtesten Texte der europäischen Geistesgeschichte: die „Besteigung des Mont Ventoux“. Petrarca beschreibt darin, wie er – im Jahr 1336 – einen Berg besteigt, nicht aus Notwendigkeit, nicht aus religiöser Pflicht, sondern aus Neugier, aus dem puren Wunsch mit eigenen Augen zu sehen. Er beschreibt Landschaft nicht als Kulisse oder Symbol, sondern als sinnlich erfahrbaren Raum. Viele Kunsthistoriker sprechen hier von der ersten absichtlichen, reflektierten Landschaftswahrnehmung der Neuzeit.
Warum ist das für die Malerei von Robin Horsch relevant? – Auch bei Horsch geht es um Wahrnehmung und um das Sehen. Um das Sich-Aussetzen gegenüber einer Umgebung – Natur wie Architektur –, die nicht einfach abgebildet, sondern erfahren, durchlebt, verarbeitet wird. Horsch sammelt Eindrücke: Spaziergänge und Wanderungen, Blicke auf Straßen und Fassaden, auf Baustellen, auf Vegetation, auf Übergangszonen. Doch diese Eindrücke kehren in seinen Bildern nicht als Motive im klassischen Sinne zurück. Sie werden nicht illustriert. Sie werden verwandelt. Was wir hier sehen, sind großformatige Leinwände, allover bemalt, beherrscht von kraftvollen, gestischen Farbschlieren. Die Farbe liegt pastos aufgetragen auf der Leinwand, körperlich, beinahe skulptural. Sie ist Spur einer Bewegung, Spur eines Prozesses, Spur einer Entscheidung. Und doch – oder gerade deshalb – scheint hier und da ein Stück Realität auf: ein Stück Architektur, eine Andeutung von Landschaft, eine horizontale Linie, ein vertikaler Bruch. Es sind keine Fenster in die Welt, sondern Erinnerungsreste, quasi Sedimente des Sehens.
Diese Malerei steht deutlich in einer Tradition. Man kann sie lesen im Spannungsfeld von Jean Dubuffet, Emil Schumacher und Anselm Kiefer. Von Dubuffet kommt vielleicht das Misstrauen gegenüber der glatten Oberfläche, die Lust an der Materialität, am Rohem und Unbändigem. Von Emil Schumacher die Geste, das eruptive Moment, die Idee von Malerei als Ereignis. Und von Kiefer jene eigentümliche Verbindung von Landschaft, Geschichte und existenzieller Schwere – auch wenn Robin Horsch auf ganz eigene Weise, leichter vielleicht, offener und fragmentarischer arbeitet. So wiedererkennbar diese kunsthistorischen Vorbilder auch sind: Sie erklären nicht alles. Denn die Malerei von Robin Horsch ist zutiefst gegenwärtig. Sie entsteht nicht aus einem Zitat, sondern aus einer Haltung. Aus einem permanenten Sich-Verhalten zur Welt.
Und hier kehren wir zu Petrarca zurück. Petrarca steht auf dem Gipfel des Mont Ventoux und blickt auf die Landschaft. Doch dieser Blick ist keineswegs ein unschuldiger. Er ist gebrochen, reflektiert, begleitet von Zweifeln. Petrarca fragt sich, ob das Staunen über die Welt nicht zugleich eine Ablenkung vom Inneren, also vom Geistigen, vom eigentlich Wichtigen, ist. Ob das Sehen nicht auch ein Sich-Verlieren bedeutet. Diese Spannung zwischen Außen und Innen, zwischen Wahrnehmung und Reflexion, zieht sich durch seinen gesamten Text.
In der Malerei von Robin Horsch wird diese Spannung auf malerische Weise verhandelt. Seine Bilder sind keine Landschaftsbilder im klassischen Sinn – und doch haben sie viel mit Landschaft zu tun. Sie zeigen nicht, wie etwas aussieht, sondern wie es sich anfühlt, in einer Umgebung zu sein. Die Farbschlieren und -gesten sind keine Dekoration,
sondern Verdichtungen von Zeit, Bewegung, Atmosphäre. Man könnte sagen: Es sind lange Tage auf Leinwand gebracht. Tage, an denen sich Eindrücke überlagern, verschieben, verwischen.
Nichts ist zufällig, auch wenn es so erscheinen mag. Die Leinwand ist ein Feld, auf dem Entscheidungen getroffen werden: Wann höre ich auf ? Wann kippt ein Bild? Wann wird aus einer Geste bloße Wiederholung? – Diese Fragen sind existenziell für die Malerei. Und sie sind spürbar in jedem einzelnen Werk der Ausstellung. Vielleicht liegt genau hier die Verbindung zu Petrarca: Beide – der Dichter wie der Maler – befinden sich in einem Moment des Übergangs. Petrarca zwischen Mittelalter und Renaissance, zwischen göttlicher Ordnung und individueller Wahrnehmung. Robin Horsch zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Landschaft und Malerei.